Sonntag, 4. Juni 2017

[RealTalk] Ist Lesen Eskapismus?

Okay, es fühlt sich tatsächlich ein wenig merkwürdig an, über dieses Thema zu schreiben. Wie eine Hausaufgabe vielleicht. Aber diese Frage, „Ist Lesen Eskapismus?“, steckt mir schon seit Jahren im Kopf. Wirklich, seit Jahren. 

Okay, vielleicht erstmal die Basis: Was ist Eskapismus? Eigentlich heißt das Wort einfach Realitätsflucht. Das war’s auch schon, ziemlich einfach eigentlich. Und warum beschäftige ich mich überhaupt mit dieser Frage? Tja, eigentlich keine besonders wilde Geschichte: Die Frage wurde uns von unserer Deutschlehrerin in der 10. Klasse gestellt (und ich bin gerade erschrocken, wie lange das schon her ist). Es haben sich, soweit ich mich erinnere, nur sehr wenige Leute gemeldet, um ihre Meinung dazu zu äußern, aber anscheinend war das Meinungsbild klar: Niemand in der Klasse hielt Lesen für Eskapismus. Und da konnte ich einfach null zustimmen. Ich meine, ich habe mich nicht gemeldet, um meine Meinung zu erklären, weil vor einer ganzen Klasse sprechen mich in Angstschweiß hätte ertrinken lassen. Aber ja, irgendwie hielt ich Lesen für Realitätsflucht und tue das auch nach längerem drüber Nachdenken noch. Und mir fällt auch gerade auf, dass dieses Thema komplett langweilig ist, aber naja. Dieser Text wird hier einfach rumstehen und niemanden dazu zwingen, ihn zu lesen.

Was mich damals in dieser Deutschstunde so gestört hat, war eine Aussage von irgendjemandem in diesem Kurs (ich kann mich tatsächlich nur noch an die Aussage erinnern und nicht mehr an die Person). Sinngemäß war das so was in der Art wie „Lesen ist nicht Realitätsflucht, weil ich lese und es aber nicht nötig habe, vor der Realität zu fliehen“. Und genau darüber denke ich manchmal immer noch nach. Ich meine, wie fast man das Konzept „Realitätsflucht“ auf? Für mich fängt das schon an dem Punkt an, wenn man manchmal einfach für ein paar Stunden aus dem Alltag fliehen will. Und Lesen ist doch absolut ein Mittel, um manchmal aus dem Alltag zu fliehen. Und da ist wirklich absolut gar nichts verwerfliches daran, nicht einmal annähernd. Das ist etwas, was gar nicht mal in die Kategorie fällt „hat man nötig oder eben auch nicht“.

Wenn man einen Film guckt, entflieht man dem Alltag. Wenn man in den Urlaub fährt. Und auch, wenn man liest! Lesen ist mittlerweile so unendlich weit entfernt von diesem Klischeebild von irgendwelchen Gelehrten, die sich mit staubigen Büchern über irgendwelche Schreibtische beugen. Die meisten Leute lesen, weil sie unterhalten werden wollen. Und das macht man dann eben, um mal dem eigenen Alltag zu entfliehen. Da ist ja auch nichts dabei.

Klar, wenn man ein Lehrbuch liest oder irgendeinen wissenschaftlichen Artikel, wenn man etwas liest um sich weiterzubilden oder auch für die Arbeit, dann ist das nicht wirklich Realitätsflucht, sondern in dem Moment vielleicht die eigene Realität. Aber darum geht es für mich bei dieser Frage auch nicht. 

Man könnte in diesem Zusammenhang auch ein viel größeres Fass aufmachen: Dieses berühmte „Hauptsache man liest“. Diese Tatsache, dass Lesen noch immer auf so ein Podest gestellt wird, und natürlich entflieht man mit Lesen nicht dem Alltag, denn sobald man ein Buch in die Hand nimmt ist der Nobelpreis ja auch nicht mehr weit. So ein Schwachsinn! Natürlich gibt es tolle Bücher, die Spaß machen und gleichzeitig sehr lehrreich sind. Aber wenn man eine Schnulze nach der anderen liest, alle mit erschreckend ähnlichem Inhalt, dann kann man auch einfach Fernsehen gucken. UND BEIDES IST TOTAL IN ORDNUNG. Aber wo ist denn da dann noch der Unterschied? Man macht beides, weil man unterhalten werden will. Das will ja jeder, vollkommen in Ordnung, aber manchmal sollte man sich nicht so sehr auf ein Podest stellen, nur weil man ab und zu mal ein Buch in die Hand nimmt. Ich will auch niemandem unterstellen, dass derjenige sich auf ein Podest stellt oder so. Das habe ich in der Bücher-Community auch gar nicht mitbekommen. Aber dieses „Hauptsache, man liest“ ist immer noch so präsent. Und meiner Meinung nach leider etwas antiquiert, denn es gibt mittlerweile auch so viele gute und schlaue Serien, die man gucken könnte, oder, oder, oder …. 

Und dabei wollte ich dieses Fass gar nicht aufmachen. Naja, ich habe sowieso nur ein bisschen an der Oberfläche gekratzt. Das war dann wohl wieder ein Post von der Sorte „ich mach mir viel zu viele Gedanken über ein Thema, das eigentlich niemanden interessiert“. Gedanken kann man eben nicht so leicht leise stellen, deshalb war das bestimmt auch nicht der letzte Post dieser Sorte.

Kommentare:

  1. Tatsächlich hast du hier jemanden gefunden, den das Thema interessiert! Ich habe mich zwar noch nicht über Jahre hinweg damit beschäftigt, aber ab und zu ist mir der Gedanke auch gekommen. Was ich an dem Namen "Realitätsflucht" nicht mag, ist, dass es so negativ klingt. Denn das heißt ja, dass man vor der Realität flüchten muss/will. Dass die Realität eine Flucht wert ist, aber so fühlt sich das für mich nicht. Die Realität ist doch schön!
    Was ich mich auch gefragt habe,ist, was die Definition von Realität ist. Denn bei dir klingt das so, als würdest du sie enorm eingrenzen auf die paar Dinge, die man halt so tut -also z.B. in die Schule gehen und einkaufen-, aber das kann doch nicht die ganze Realität sein. Das Lesen passiert doch auch in der Realität. Und ich finde, es erweitert tatsächlich den Horizont für die Realität (aber YouTube genauso ;) ), weil man in die Köpfe anderer Leute hereinkommt und mehr über die Ralität erfährt. Auch verliere ich mich in letzter Zeit nicht mehr so extrem in Bücher, d.h. mein Bewusstsein bleibt da und ich beziehe, das was geschieht auf mein eigenes Leben und hole mir Ratschläge. D.h. ich bleibe sogar sehr stark in der Realität verankert (und entfliehe ihr nicht=,aber das geht natürlich längst nicht allen beim Lesen so.
    Ist etwas wirr, aber vielleicht hast du ja trotzdem noch was dazu zu sagen; würde mich jedenfalls interessieren.
    LG
    Kat

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    1. Hallo:) Das stimmt, Realitätsflucht klingt eher negativ. Und ich mag deine Auffassung, Realität kann echt ganz schön sein!^.^ Ich habe es tatsächlich so gesehen, dass "Realität" sowas ist wie "Alltag", also Arbeit oder Schule, Haushalt und aber auch Freunde treffen oder sich in die Sonne legen. Das kann alles super sein, aber manchmal braucht man auch einfach Entspannung und greift zu einem Buch oder so. Aber deinen Kommentar finde ich super interessant, weil ich das ganze noch gar nicht so gesehen habe. Klar, je nachdem wie man Realität definiert gibt es sowas wie "Realitätsflucht" auch vielleicht gar nicht:) Und lesen oder Youtube oder was es nicht alles gibt ist vielleicht sowas wie "Realitätserweiterung" und gibt einem einfach neuen Input. Ich denke das kann man auf jeden Fall auch so sehen. Und wenn ich darüber nachdenke ist der Unterschied vielleicht einfach nur, wie man das denn alles benennt und welchen Namen man den Sachen gibt. Deinen Ansatz finde ich in der Hinsicht dann irgendwie positiver, weil man die Sachen nicht so sehr abgrenzt. In jedem Fall, egal als was man solche Sachen zur Entspannung wie Lesen, Fernsehen etc. sieht, ich glaub mein Standpunkt ist einfach dass das alles in Ordnung ist:) So, wenn meine Antwort jetzt mal nicht super wirr war dann weiß ich auch nicht:D
      Liebe Grüße!
      Julia

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    2. Hey, vielen Danki für deinen KOmmentar:) Wie kann ich das denn einstellen, dass mir auch Leute folgen können? Ist das nicht automatisch so?
      Ich bin 18 und ich glaube, du unterschätzt uns achso-junge-Abiturienten gewaltig^^ Wir sind alle vielseitig interessiert.
      Hast du dich schon mit Minimalismus und Klimawandel beschäftigt?
      Nö, deine Antwort war nicht super wirr, aber du hast irgendwie alles gesagt, was man zu dem Thema sagen kann... Ich finde es aber auch schön, Lesen nicht als Alltag wahrzunehmen; es gibt jedem Buch einen besonderen Wert, wenn es nicht einfach zum Alltagstrott dazugehört. Andererseits bin ich gerade dabei zu entdecken, dass es so etwas wie Alltagstrott gar nicht gibt, wenn man genau hinsieht. Denn klar passieren Dinge immer und immer wieder in der selben Abfolge- aber das ist nur die Verpackung. Der Inhalt ist immer anders und häufig spannend und den sollte man sehen. Aber natürlich kann man auch davon etwas abstand brauchen und dann lesen. Ich würde das dann nur eben mit in den Alltag hineinintegrieren.
      Ist auch schon wieder wirr geworden; wie schreibt man nicht wirr??
      Liebe Grüße,
      Kat
      Liebe Grüße
      Kat!

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    3. Ich komm mal mit der Antwort auf deinem Blog vorbei:D

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    4. Vielen Dank für deine Hilfe; ich versuche dann mal das einzurichten.
      Und ich hoffe, ich komme bald da zu, mich mit der Umwelt zu beschäftigen- denn wirklich lange warten können wir da nicht mehr. Wahrscheinlich ist es jetzt schon zu spät.

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  2. Ich komme gerade nicht darauf klar, wie jemand Lesen NICHT als Realitätsflucht bezeichnen kann, obwohl das für mich quasi eine Tatsache ist. :D
    Ich meine, Entschuldigung, aber man wird doch für ein paar Stunden zu einem anderen Menschen (oder Vampir oder Engel oder was auch immer), lebt ein anderes Leben, entschwindet in eine andere Welt (sei es nun eine andere Stadt oder buchstäblich eine andere Welt) und ist damit für ein paar Stunden nicht mehr in der eigenen Realität des eigenen Lebens. Es sei denn, man liest, indem man lediglich den Schreibstil analysiert.
    Ich sehe wie du nichts verwerfliches darin, mal dem Alltag zu "entfliehen", zumal sich ja auch neue Perspektiven öffnen. Was letztendlich wieder beispielsweise die Empathie fördert.
    Umgekehrt würde ich nicht verleugnen, dass ich nicht schon gelesen habe, um der Realität wirklich sinngemäß zu entfliehen, weil ich einen blöden Tag hatte oder so. Was im Übrigen klappt.

    Vielleicht liegt es daran, dass der Begriff so negativ klingt. Wenn man aber wirklich einen Unterhaltungsroman liest, dann verlässt man zwangsläufig die eigene Realität und taucht in eine andere ein. Manchmal entflieht man bewusst der eigenen Realität. Meistens steht aber das Eintauchen in eine andere im Vordergrund.
    In jedem Fall bietet sich so die Möglichkeit, andere Leben zu leben, Sachen zu machen, die in der eigenen Realität nicht möglich sind, neue Perspektiven kennenzulernen. Was bewiesenermaßen die Intelligenz fördert. Selbst wenn man nicht Goethe liest.

    Liebe Grüße
    Dana

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    1. Hey^.^ kennst du das wenn man Kommentaren einfach nur zustimmen kann und die auch total gut findet aber viel mehr kann man eigentlich nicht hinzufügen? So gehts mir echt oft, und jetzt auch:D Dabei verdienen solche Kommentare eigentlich eine ausführliche Antwort. Mal sehen, was sich da noch machen lässt:D

      Ich finde besonders interessant, dass du sagt, es geht oft eher darum in eine andere Realität einzutauchen als dieser zu entfliehen. Echt guter Punkt und das würde ich auch so sehen! Aber wenn man einen schlechten Tag hatte dann kann man so eine "Realitätsflucht" auch einfach als das sehen was sie ist:) Das erinnert mich an Harry Potter. Wenn ich einen schlechten Tag hatte findet man mich abends mit nem Harry Potter Buch in der Hand:D Und das funktioniert fantastisch!

      Danke für den Kommi! Ich fand den auch echt cool formuliert (das ist als Antwort merkwürdig, oder? Aber so ist es halt:D)

      Liebe Grüße
      Julia

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  3. Hey,

    ich finde diesen Post auch total interessant und sehe es genau wie Dana :D
    Für mich ist Lesen klar Realitätsflucht, denn ich tauche ja in eine andere Welt ab und verschwinde für die Zeit aus meiner eigenen.
    Wobei, vielleicht hat dein Kurs so heftig reagiert, weil Realitätsflucht eher negativ besetzt ist und auch häufig damit in Verbindung gebracht wird, dass die eigene Realität so schlecht ist, dass man sich eine neue suchen muss bis hin zu, dass man völlig realitätsfern lebt. Wenn man es so betrachtet, würde ich das nicht jedem unterstellen, der liest^^

    Prinzipiell kann ich dir jedoch zustimmen, wir verlassen beim Lesen unserer Realität und tauchen in eine neue ein. Warum wir dies tun hat sicherlich bei jedem andere Gründe.

    Was hat denn dein Lehrer dazu gesagt? Oder hat er seine Meinung nicht geäußert?

    Liebe Grüße
    Lena

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    1. Hallo:)

      soweit ich mich erinnern kann hat meine Lehrerin es dann dabei belassen, also sie hat uns nicht noch ihre Meinung dazu gesagt.
      Eine Idee wäre auch: Welcher Jugendliche will schon vor einem ganzen Kurs zugeben, dass er auch manchmal aus der Realität fliehen muss? Also ich hatte ja anscheinend schonmal nicht den Mut dazu. Wobei ich jetzt auch nicht allen unterstelle, dass sie irgendwas verstecken:D
      Aber ja, ich würde dir zustimmen:) Der Begriff ist eher negativ besetzt und da ist es wahrscheinlich erstmal so dass man sich davon abgrenzen möchte.

      Liebe Grüße
      Julia

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  4. Ich habe jetzt wirklich eine ganze Weile überlegt, ob ich einen Kommentar poste, oder nicht, aber nun hat es mich doch gepackt ;)

    Also meiner Meinung nach kann Lesen natürlich Realitätsflucht sein - ist es in vielen Situationen sicherlich auch, besonders bei normaler Unterhaltungsliteratur - aber ebenso kann es das auch nicht sein. Und ich spreche dabei nicht nur von irgendwelchen wissenschaftlichen Texten, sondern auch von Romanen, die sehr deutlich die Realität wiedergeben, die einen in sehr authentische Geschichten entführen, unangenehm sind oder in denen man sich mit den Protagonisten identifizieren kann, sich also wiedererkennt. Natürlich ist es in dem Moment die Flucht aus der persönlichen Realität, aber nicht aus der Realität an sich. Es gab schon viele Bücher, die ich mit dem Wunsch nach reiner Unterhaltung aufschlug, um dann mitzubekommen, dass sie ungemütlich waren und mir die Augen öffneten, über Realitäten von denen ich vorher keine Ahnung hatte, ohne das ich das beim Lesen je beabsichtigt hätte. Es ist für mich also schwierig zu sagen, dass ich der Realität entfliehen will, wenn ich ein Buch aufschlage. Manchmal mag das sein, manchmal aber auch nicht.

    Es gibt übrigens auch die sogenannte Bibliotherapie. Dabei werden Bücher und Texte eingesetzt, um Menschen mit den verschiedensten Krankheitsbildern zu behandeln. Beispielsweise bei Menschen mit Depressionen werden Romane herausgesucht, die das Thema Depression beinhalten. Diese soll der/die Patient/in lesen, um sich darin wiederzuerkennen und zu verstehen, dass er/sie mit seinen Problemen nicht allein ist und viele Menschen so fühlen wie er/sie. Die Idee gefällt mir sehr gut und ich würde sie nicht als Realitätsflucht bezeichnen, auch wenn die Person in dem Moment natürlich aus den Augen einer anderen sieht.

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    1. Ich bin froh, dass du dich doch noch dafür entschieden hast:D
      Ich finds echt toll dass hier doch ein paar Leute kommentiert haben, weil die Meinung zu dem Thema sich bei uns allen glaub ich überschneidet aber auch ein bisschen unterschiedlich ist und das ist echt spannend! Ich hätte zum Beispiel gar nicht darüber nachgedacht, wie das dann mit extrem authentischen Geschichten ist. Ich glaube da würde ich das so sehen, wie du es auch schon erwähnt hast: Es ist vielleicht nicht unbedingt eine Flucht aus der gesamten Realität, aber vielleicht aus der persönlichen. Ich komme immer mehr zu dem Schluss dass das alles echt davon abhängt, wie man die einzelnen Begriffe definiert.

      Von Bibliotherapie hab ich noch nie gehört, aber der Gedanke ist grade echt faszinierend. Dass Büchern so eine große "Heilkraft" zugeschrieben wird ist schon beeindruckend. Da würde ich dir zustimmen und das auch nicht als Realitätsflucht sehen. Vielleich eher eine Hilfe für die eigene Realität.

      Liebe Grüße
      Julia

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